Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser.

Vertrauen ist besserSie kennen die Weisheit im Titel etwas anders?

Meist wird diese Weisheit in der Form „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ zitiert.

Wenn man darüber nachdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass irgendwie doch beide Versionen Sinn ergeben. Die altbekannte Form wird eher von Überwachungs- und Regelungsfanatikern bevorzugt. Sie passt gut in die aktuelle Zeit, wo es um die Überwachung einer kompletten Gesellschaft zu gehen scheint.

Es wird niemandem mehr vertraut, die Unschuldsvermutung weicht langsam einem Generalverdacht.


Wir sind mittlerweile an einem Punkt, an dem wir nicht mehr nur von EINEM Generalverdacht sprechen dürfen.

Am 9.12.2013 rückt eine neue Website ins Augenmerk der Öffentlichkeit. Die Branchenriesen AOL, Facebook, Google, LinkedIn, Microsoft, Twitter und Yahoo! haben vermutlich an den Quartals- oder Nutzerzahlen gemerkt, dass es einen Knick in der Wachstumsstatistik gegeben hat.

Mit einem Mal machen sich die großen IT-Anbieter aus den USA Sorgen um geltendes Recht und ihre Nutzer. Der Grund ist schnell gefunden: die Nutzer haben ganz gehörig das Vertrauen in U.S.-Anbieter verloren. Mittlerweile geraten nämlich alle US-Firmen in der IT in den Generalverdacht, dass sie mehr oder weniger freiwillig Helfer der US-Geheimdienste sind.

Auch das ist ein Seiteneffekt, der ebenso unangenehm werden kann wie der, das jeder Mensch ein potentieller Terrorist ist und überwacht werden muss.

Wie groß das Misstrauen mittlerweile ist. lässt sich auch aus einer Umfrage des IT-Verbandes BITKOM ablesen.

Das Pendel schlägt langsam zur anderen Seite aus.

Ich habe den Eindruck, dass der Zusammenschluss der amerikanischen IT-Riesen durchaus auch einen Anflug von aufkommender Panik zeigt. Erinnern wir uns an den Beginn der NSA-Affäre. Fast alle dieser Anbieter traten vor die Presse mit einer fast gleich lautenden Erklärung, dass sie zu „keiner Zeit den Geheimdiensten direkten Zugriff zu ihren Servern“ gegeben hätten. Damals sah es noch ganz so aus, als wenn man mit so einer kurzen Pressenotiz glimpflich davon kommt.

Wahrscheinlich hat niemand damit gerechnet, wie lange sich das Thema hält und mit welcher Intensität es weiter gehen wird. Die Anbieter haben der US-Administration vielleicht auch eine Spur zu weit vertraut. Erinnern wir uns an die öffentlichen Statements der NSA. Es war das übliche Procedere. „Kurz dementieren, dann schweigen und in vier Wochen erinnert sich keiner mehr …“.

Aber weit gefehlt. Momentan verhagelt die doch anhaltende Diskussion den IT-Riesen vermutlich das Jahresendgeschäft. Möglicherweise schmelzen auch die Nutzerzahlen in den sozialen Netzwerken rapider ab als gedacht. Noch Anfang des Jahres kamen regelmäßig neue Rekordzahlen in die Presse. Facebook und Twitter überboten sich mit prozentualen Zuwächsen. Ist das noch immer so? Ich habe seit geraumer Zeit jedenfalls keine neuen Rekordmeldungen mehr mitbekommen.

Die Anbieter offenbar bemerkt, dass mit dem schwindenden Vertrauen auch die Umsätze fallen.

Anders kann ich diese neue Einigkeit nicht werten. Scheinbar hat man hinter den Kulissen Hausaufgaben gemacht und hat dank komplexer Big Data Analysen bemerkt, dass der sich mittlerweile seit einem halben Jahr immer weiter steigernde Skandal langsam, aber nachhaltig auf die Umsatzprognosen wirkt. So langsam sollten die Daten ja auch reichen, eine einigermaßen valide Zukunftsprognose zu rechnen.

Und mir kann wirklich niemand weismachen, dass auf einmal dort Moral eingekehrt ist, wo bislang immer nur der Shareholder Value treibende Kraft war.

Die Nutzer der sozialen Netzwerke haben nach meiner Wahrnehmung ein neues Bewusstsein entwickelt.

Sie haben nach Abzug des Vetrauensvorsprungs endlich realisiert, das sie die Ware sind und nicht der Kunde. Ich erlebe immer öfter, das Menschen sich nicht mehr so aktiv in den Netzen tummeln. Gerade die für Werbetreibende wichtige Gruppe der Konsumenten scheint zu hinterfragen was soziale Netzwerke eigentlich an Vorteilen bringen. Gut, man kann mit anderen Leuten kommunizieren. Aber macht man das noch so lange und unbeschwert wie in der Zeit vor den Enthüllungen?

Da liegt die Krux für die Werbetreibenden. Das gute Gefühl bei der Nutzung sozialer Medien ist weg.

Wo früher unbeschwert kommuniziert wurde, wo Einkaufstipps ohne Reflektion weiter getragen wurden, ist deutlich mehr Ruhe eingekehrt. So mancher fragt sich jetzt vor dem Teilen eines Links oder einem Re-Tweet, was dadurch über ihn selbst rückgeschlossen werden kann. Viele Menschen reagieren an diesem Punkt mit Zurückhaltung weil sie nachdenklich sind. Die Kontrolle hat das Vertrauen und damit die Unbeschwertheit genommen.

Die großen IT-Anbieter haben bemerkt, dass sie dringend ihre wirtschaftliche Macht nutzen müssen.

Wenn jetzt keine deutlichen Signale gesendet werden und das Vertrauen der Nutzer ganz weg ist, sind alle großen Anbieter schnell Geschichte. Wer erinnert sich heute noch an Compuserve, Altavista oder Lycos? Diese Big Player sind auch sehr schnell verschwunden weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Von daher ist jetzt durchaus eine Chance da, etwas zu verändern. Denn jetzt kämpft auch die Kapitalseite auf der Seite der Datenschützer.

Es sind nicht mehr nur die „Spinner mit dem Aluhut“, die etwas von Datenschutz und den mannigfaltigen Missbrauchspotentialen moderner Informatik erzählen. Überwachung und Verhaltensvorhersage sind in den Köpfen aller Menschen als Realität angekommen.

Es muss eine weitergehende Diskussion stattfinden, wie sich Recht und Moral in der digitalen Zeit weiter entwickeln müssen.

Wir müssen irgendwann wieder den Ausgangspunkt erreichen:

Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser.


Mein Autorenprofil bei Google
IT-Beratung - IT-Betrieb - Technologieberatung - IT-Risikobewertung - Vorträge und Weiterbildung zu IT-Themen